Im laufenden wie auch im kommenden Jahr stehen gemäss Medienberichten verschiedene potenziell wegweisende Börsengänge an. Wenn mehrere solche Unternehmen mit enormer Innovationskraft und branchenübergreifendem Geschäftsmodell tatsächlich an die Börse gehen, wären dies gemessen an Bewertung und Emissionsvolumen historische Ereignisse. Noch wichtiger erscheint uns jedoch, was diese Börsengänge über die Kapitalmärkte aussagen. Wenn Unternehmen dieser Grössenordnung neu in die öffentlichen Märkte kommen, stellt sich sofort die Frage, woher das Kapital dafür stammen soll. Ein Teil dürfte aus bestehenden, hochliquiden Schwergewichten abgezogen werden, vor allem aus den grössten Indexpositionen.

Gerade deshalb sind diese potenziellen IPOs mehr als nur wichtige Börsengeschichten. Die betreffenden Unternehmen vereinen Geschäftsmodelle, die sich in den klassischen Börsenkategorien kaum abbilden lassen – etwa satellitengestützte Kommunikation, Raumfahrt, künstliche Intelligenz und digitale Infrastruktur. Solche Fälle zeigen, wie stark sich die wirtschaftliche Realität verändert hat, während viele Anlagekonzepte noch immer auf Ordnungssystemen beruhen, die aus einer anderen Zeit stammen.

Über Jahrzehnte wurden Aktienmärkte vor allem nach Stil, Grösse, Land und Branche geordnet. Klein gegen gross, Value gegen Growth, USA gegen Europa oder Technologie gegen Industrie. Diese Kategorien sind nützlich, greifen aber zunehmend zu kurz. Denn eine andere Perspektive rückt damit in den Vordergrund: Nicht nur die Frage, in welchem Land ein Unternehmen tätig ist oder welchem Stil es zugerechnet wird, sondern, ob es von einem tiefgreifenden Wandel profitiert oder von ihm verdrängt wird. Der grössere Teil der Renditen entsteht dort, wo sich Geschäftsmodelle, Technologien und wirtschaftliche Machtverhältnisse strukturell verschieben. Genau das macht Innovation in unseren Augen zu einem zentralen Investmentfaktor.

Das bedeutet nicht, dass Bewertungen an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Sie sollten der Anker bei Anlageentscheidungen bleiben. Ausschlaggebend ist aber, worauf sich diese Bewertungen stützen. Massgeblich sollten nicht vergangene Erfolge, sondern die künftig erzielbaren Cashflows sein – und diese hängen unseres Erachtens immer stärker von strukturellen Entwicklungen ab. Wer Unternehmen beurteilen will, sollte deshalb berücksichtigen, wie sich künstliche Intelligenz (KI), Elektrifizierung, digitale Netze, Rechenleistung, Rohstoffbedarf oder demografischer Wandel auf ganze Wertschöpfungsketten auswirken.

Für die Kapitalanlage hat das weitreichende Folgen. Die grössten Chancen sehen wir nicht zwingend dort, wo die bisherigen Indexgewichte dominieren. Vielmehr lohnt sich ein Blick auf jene Bereiche, in denen sich über viele Jahre neue Renditequellen auftun. Dazu gehören unserer Meinung nach KI, Elektrifizierung und Langlebigkeit – aber auch die physische Infrastruktur, die diese Entwicklungen erst möglich macht.

Auch ein Blick auf die aktuelle Berichtssaison der grossen Technologiewerte unterstreicht diese Entwicklung. Die Stimmung gegenüber den grossen Tech-Unternehmen erscheint uns derzeit gemischt: Während Softwarefirmen unter Bewertungsdruck durch die Angst vor KI-Disruption stehen, zeigen sich bei den Anbietern von KI-Infrastruktur und Halbleitern teils deutliche Gewinnsprünge, aber auch Bewertungsanpassungen. Investorinnen und Investoren achten besonders auf die Gesundheit des Kerngeschäfts, da die grossen Hyperscaler ihre Investitionen in KI und Infrastruktur weiter hochfahren und dafür auf stabile operative Cashflows angewiesen sind.

Damit ergibt sich für uns die zentrale Konsequenz: Anlageprozesse sollten sich stärker an langfristigen Umbrüchen orientieren und vom rein historischen Kategoriendenken lösen. Die anstehenden IPOs scheinen uns in diesem Sinn weniger Ausnahme als Vorbote. Sie zeigen, dass die nächste Phase der Kapitalmärkte neue Bewertungsrahmen, breitere Diversifikation und einen klareren Blick auf strukturelle Nutzniesser verlangen dürfte.