
In unserem letzten Gedanken der Woche haben wir dargelegt, wie Dinge, die früher als «undenkbar» galten, heute deutlich häufiger auftreten als vor einigen Jahren, und wie Investorinnen und Investoren immer wieder mit herausfordernden Situationen konfrontiert werden. Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten und die Schliessung der Strasse von Hormus ist ein solcher Fall. Wer hätte vor wenigen Wochen gedacht, als das Marktinteresse noch dem Entscheid des obersten US-Gerichtshofs bezüglich der Importzölle oder dem KI-bedingten Rückschlag von Softwarefirmen galt, dass wir in so kurzer Zeit erneut mit einer Energiekrise konfrontiert sein könnten.
Die Lage rund um eine mögliche Öffnung der Strasse von Hormus bleibt verworren und der steigende Ölpreis signalisiert, dass die Märkte mit weiteren Komplikationen und einer längeren Ölflusseinschränkung aus der Golfregion rechnen. Der Konflikt dauert inzwischen rund drei Wochen und trotz Umleitungen über Pipelines könnten sich die Angebotsausfälle wegen begrenzter Lagerkapazitäten noch verschärfen. Die geopolitischen Spannungen dürften hoch bleiben. Wie bald es den USA und ihren Verbündeten gelingt, Tankerkonvoys durch die Strasse von Hormus zu führen, bleibt offen. Auch die geplante Freigabe von 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven durch die OECD-Staaten dürfte nur einen Teil der Störungen abfedern, da sich die Auswirkungen auf die Märkte in Asien und Europa verstärken und Raffinerien im Nahen Osten ihre Produktion drosseln. Vor diesem Hintergrund ist ein weiterer Anstieg der Ölpreise wahrscheinlich, mit einer neuen Brent-Prognose von 90 US-Dollar je Barrel bis Ende Juni – bei anhaltenden Störungen könnten die Preise kurzfristig noch deutlich höher steigen, insbesondere bei zunehmenden Knappheitsängsten.
Trotz der aussergewöhnlich herausfordernden Ausgangslage halten wir es insbesondere für langfristig orientierte Investoren als sinnvoll, sich durch die aktuellen geopolitischen Turbulenzen nicht vom eigenen Anlageplan abbringen zu lassen. Unser soeben veröffentlichtes Global Investment Returns Yearbook zeigt denn auch, welche langfristigen Performancetrends für Schweizer Anleger entscheidend sein dürften.
Erstens sollte man sich stets vor Augen führen, dass Aktien über sehr lange Zeiträume hinweg die renditestärkste Anlageklasse waren. Langfristig lagen sie deutlich vor Anleihen und Geldmarktanlagen. Das stützt auch aus Schweizer Sicht die Kernaussage, dass Vermögensaufbau primär über Produktivkapital gelingt und nicht über das Halten von Nominalwerten. Barmittel bleiben wohl wichtig für ܾ徱ä und Sicherheit, sind aber langfristig vor allem ein Stabilitäts- und kein Renditebaustein. Für Schweizer Anleger bedeutet dies, dass Aktien langfristig den Kern des Vermögensaufbaus bilden sollten. Denn auch trotz der derzeitigen Werte um null bleibt Inflation langfristig relevant: Reale Renditen zählen, nicht nur nominale.
Zweitens sind geopolitische Ereignisse oft nicht der Hauptrenditetreiber – wichtiger ist meistens die Widerstandsfähigkeit von Ländern und Regionen. Denn Märkte reagieren zwar auf extreme geopolitische Schocks, aber im Normalfall sind wirtschaftliche Faktoren langfristig wichtiger als geopolitische Schlagzeilen. Daraus folgt: Nicht jede Krise rechtfertigt hektisches Umschichten; aber die regionale Allokation sollte Länder und Märkte bevorzugen, die dank hoher institutioneller Stabilität und defensiver Marktstruktur besser abgeschirmt sind. Letztlich bleibt in unseren Augen ein möglichst hohes Mass an Diversifikation zentral, gerade weil Korrelationen gestiegen sind und die Risikostreuung schwieriger geworden ist.
Drittens sollten sich Schweizer Anleger der Rolle des Frankens als «sicherer Hafen» bewusst bleiben. Für sie ist die Währungsfrage besonders wichtig, weil Fremdwährungsrisiken die Schwankungen jener Anlagen im Portfolio erhöhen können, die primär als Stabilisatoren gehalten werden. Gerade für defensive Portfolioanteile wie Anleihen spricht die Logik der vorliegenden Erkenntnisse eher für eine stärkere Absicherung von Währungsrisiken, denn der Franken kann im Portfoliokontext vor allem als Stabilitätsanker betrachtet werden.
