
Im April 2020 brachte Covid die Welt zum Stillstand; die Ölnachfrage sank innert Tagen um 20 Millionen Barrel. Der Preis für Rohöl kollabierte förmlich, bis in den negativen Bereich. Was damals als Extremfall galt, kann heute als Referenzpunkt dienen. Denn aktuell steht der Markt erneut vor einem Schock vergleichbarer Grössenordnung, diesmal jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Strasse von Hormus, durch die normalerweise ebenfalls rund 20 Millionen Barrel Rohöl pro Tag fliessen, ist seit Tagen faktisch blockiert. Wir gehen in unserem Basisszenario davon aus, dass diese Störung deutlich kürzer dauern wird als jene während der Pandemie, aber die Unsicherheit ist gross und nimmt momentan wohl eher zu als ab.
In den vergangenen Jahren mussten Anlegerinnen und Anleger immer wieder lernen, wie trügerisch scheinbare Gewissheiten sein können. Ölpreise können negativ werden. Russland attackiert die Ukraine. Die Märkte hinterfragen die Unabhängigkeit der US-Notenbank. Künstliche Intelligenz zwingt uns, die Zukunft einzelner Firmen, ja ganzer Sektoren grundlegend zu überdenken. Eine Meerenge, die als systemrelevant gilt, kann blockiert werden. Was haben all diese Schocks gemeinsam? Viele Anleger hielten sie für undenkbar, bis sie – oftmals über Nacht – zur Realität wurden.
Zurück zur Gegenwart: Das Risiko eines längerfristigen Lieferkettenunterbruchs hat in den letzten Tagen zugenommen. Geografisch am stärksten exponiert sind die Volkswirtschaften in Asien und Europa, die auf Energielieferungen aus dem Mittleren Osten angewiesen sind. Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass Länder ihre Fördermengen reduzieren, weil Speicherkapazitäten fehlen. Und solange die Strasse von Hormus faktisch unpassierbar bleibt, können fehlende Lagerkapazitäten zu weiteren Produktionsunterbrüchen führen. Sollte dies eintreffen, dürften die Preise weiter steigen und die ursprüngliche Angebotsverknappung erzwingt einen Nachfragerückgang, bis hin zu einer möglichen Rezession.
Vor diesem Hintergrund ist die entscheidende Variable aus ökonomischer Perspektive nicht die Frage nach Krieg oder Frieden, sondern die Fluktuation der Öl- und Gasexporte. In unserem Basisszenario normalisieren sich die Exporte innerhalb der nächsten ein bis zwei Wochen. Dann wäre der Schock zwar heftig, aber über Lagerbestände und operative Flexibilität wohl abzufedern. Die Energiepreise würden sich normalisieren und die Märkte sich erholen. Kehren die Exporte nur teilweise zurück, dürfte der Markt strukturell unterversorgt bleiben. Die fehlenden Barrels würden zu strukturell höheren Preisen führen; Preise über 100 US-Dollar pro Barrel wären keine Ausreisser mehr, sondern ein notwendiger Mechanismus zur Nachfragerationierung. In einem solchen Szenario dürften die Finanzmärkte noch stärker korrigieren.
Wie soll man sich als Anleger in einer solchen Situation positionieren? Historisch gesehen ist die Antwort eindeutig: Die Märkte erholen sich oft rasch von geopolitischen Schocks. In rund zwei Drittel aller Konflikte der letzten Jahrzehnte handelten US-Aktien drei Monate nach Start des Konflikts auf höheren Niveaus. Das dürfte auch dieses Mal so sein, zumal sowohl aus Sicht der USA wie auch des Irans valide Gründe vorhanden sind, den Konflikt bald zu beenden. Gleichzeitig gibt es aber auch Szenarien, in denen der Krieg länger dauert, mit entsprechend negativen Auswirkungen auf Öl- und Gaslieferungen und damit auf die globalen Inflations- und Wachstumsaussichten.
Entsprechend müssen sich Anleger auch darauf einstellen, allenfalls Verluste zu realisieren. Historische Analysen zeigen, dass die Erfolgsaussichten eines systematischen, disziplinierten Anlageprozesses besser sind als jene einer Strategie, die sich auf die Prognose binärer geopolitischer Ereignisse abstützt. Und für jene Anleger, die Mühe haben, während Phasen erhöhter Unsicherheit Verluste zu realisieren oder Käufe zu tätigen, lohnt es sich möglicherweise, solche Entscheide zu delegieren.
Neben diesen taktischen Überlegungen gilt es aber auch, strukturelle Erkenntnisse hervorzuheben: Einerseits dürfte sich der Kampf um Ressourcenzugang weiter zuspitzen. Dabei denken wir nicht nur an Elektrizität und Energie, sondern auch an Rohstoffe, Nahrungsmittel oder Frischwasser. Das Thema Versorgungssicherheit dürfte somit künftig einen höheren politischen und realwirtschaftlichen Stellenwert erhalten. Und das würde eine Gelegenheit bieten, sich als Anleger entsprechend zu positionieren.
Andererseits lernt uns dieser Konflikt einmal mehr, dass Themen, die heute undenkbar sind, schon morgen zur Realität werden können. Manchmal lassen sich solche Entwicklungen antizipieren, oft kommen sie als Überraschung. Und lassen damit ein diversifiziertes Portfolio, in Kombination mit einem systematischen, disziplinierten Anlageprozess, zur wohl effektivsten Strategie werden, um die Auswirkungen solcher Überraschungen auf ein Portfolio zu limitieren. Dazu gehört auch, strukturierte Instrumente gezielt auszunutzen; sei das, um das Portfolio abzusichern, oder auch, um Einkommen zu generieren.
