Die jüngsten Turbulenzen auf den Aktienmärkten werden stark von Sorgen um die künstliche Intelligenz (KI) getrieben. Neben Bedenken bezüglich zu hoher KI-Infrastrukturinvestitionen stehen insbesondere auch Softwareunternehmen seit Wochen unter Druck. Anlegerinnen und Anleger sind beunruhigt, dass KI-basierte Lösungen bestehende Produkte verdrängen, die Margen unter Druck setzen oder gar ganze Geschäftsmodelle überflüssig machen könnten.

Wir führen drei Argumente auf, weshalb wir glauben, dass diese Bedenken für die Branche insgesamt wohl zu weit gehen, obwohl sie durchaus für gewisse Firmen relevant sein dürften und damit die Korrektur auch teilweise rechtfertigen. Für Anleger können sich unserer Meinung nach dadurch aber trotzdem selektive Chancen eröffnen.

Erstens entwickelt sich KI zusehends zum Produktivitätsmotor der Branche. KI unterstützt die Entwicklung von Software bereits heute stark in Bereichen wie beim Schreiben von Codes, beim Finden von Sicherheitslücken und bei der Optimierung bestehender Systeme. Führende Unternehmen berichten, dass 25 bis 50 Prozent ihres Codes bereits heute von KI geschrieben wird. Das senkt Kosten, erhöht die Produktivität und verbessert die Zeit bis zur Produkteinführung. Allesamt Entwicklungen, die typischerweise zu höheren, und nicht zu tieferen Aktienkursen führen.

Zweitens unterschätzt der Markt womöglich die Anpassungsfähigkeit der Industrie. Das Argument, dass KI-Modelle die Software-Branche «ersetzen» könnte, vernachlässigt, dass viele Anbieter selbst KI-getriebene Strategien verfolgen. Die Grenze zwischen der Entwicklung von KI-Modellen und deren Anwendung verschwindet also teilweise. Dies kann neue Möglichkeiten für die gewinnbringende Monetarisierung von KI bieten, andererseits aber den Softwareunternehmen auch ermöglichen, einen grösseren Teil der Wertschöpfungskette abzudecken. Anders formuliert: Software wird nicht obsolet, sondern intelligenter und vielfältiger.

Zu guter Letzt gilt auch hier: Der Fokus von Anlegern sollte bei den Fundamentaldaten liegen und nicht bei den Schlagzeilen, denn Aktienkurse werden langfristig von Gewinnen und Zinsen bestimmt. Genau hier zeigt die Software-Branche, dass KI sowohl Fluch und Segen sein kann:

Für etliche Unternehmen sind die Gewinntrends weiterhin sehr solide und wir sehen keine Anzeichen für eine Gewinnrezession in der Branche. Gleichzeitig ist es aber wahrscheinlich, dass KI‑basierte Anwendungen in etlichen Branchen mittelfristig zu Disruptionen führen werden. Gefährdet sind beispielsweise Geschäftsmodelle, die stark auf standardisierte, repetitive Tätigkeiten setzen – etwa in Teilen von Dienstleistungen, Verwaltung, Kundenservice, Medien oder einfacher Analysearbeit. Hier kann KI menschliche Arbeit direkt ersetzen oder stark konkurrieren. Auch innerhalb der Software‑Industrie könnte dies für einige Unternehmen nachteilig sein, vor allem für jene Anbieter, die auf starren, traditionellen Lizenz‑ oder Funktionsmodellen verharren und den Übergang zu KI‑unterstützten, adaptiven Lösungen nicht rechtzeitig schaffen. In solchen Fällen dürfte der Margendruck wohl weiter zunehmen. Entscheidend ist daher eher, wie schnell und erfolgreich Unternehmen KI in ihre Produkte und Geschäftsmodelle integrieren können. Ist diese Anpassungsfähigkeit zu limitiert, lassen die teilweise hohen Bewertungen zu wenig Spielraum für ein tieferes Gewinnwachstum. In diesen Fällen dürfte die Korrektur dann auch weitergehen.

Unser Fazit: Die Korrektur bei Software-Aktien reflektiert Sorgen, die einerseits nachvollziehbar sind, vom Markt aber wohl zu wenig differenziert behandelt wurden. Für Anleger kann dies selektive Einstiegschancen bieten. KI erhöht den Wettbewerbsdruck – aber verstärkt gleichzeitig Wachstum, Produktivität und langfristiges Gewinnpotenzial. Vor diesem Hintergrund scheint uns die aktuelle Skepsis teilweise gerechtfertigt, in ihrer Breite aber überzogen.