Vor etwa 40 Jahren, als ich im 枚rtlichen Fliegerclub meine erste, lang ersehnte Stunde in einem Segelflugzeug hatte, habe ich zu aller erst einen Fallschirm in die Hand gedr眉ckt bekommen. Damit wollte man wohl ziemlich Eindruck schinden 鈥 aber das hat nicht geklappt. Wir haben ganz kurz gezeigt bekommen, wie der Fallschirm verwendet wird, und w盲hrend meiner gesamten Flugausbildung war er dann nicht mal ansatzweise n枚tig, und ich habe auch niemanden kennengelernt, der ihn je verwenden musste. Fast schon gedankenlos haben wir die Fallschirme vor dem Flug angelegt, weil es Vorschrift ist, und das war鈥檚 dann auch (viel wichtiger war, dass der ungepolsterte Holzsitz dadurch bequemer wurde). 30 Jahre sp盲ter kommt es mir jedoch komisch vor, dass wir so wenig darauf geachtet haben, wie wir diese Fallschirme in einem Moment verwenden w眉rden, der 眉ber Leben und Tod entscheiden k枚nnte.

Die meisten Flieger-Anleitungen sind genauso sorglos wie ich. Dort heisst es: 芦Wenn Sie das Flugzeug im Flug verlassen m眉ssen, ziehen Sie die Haube zur眉ck, l枚sen Sie den Gurt und drehen Sie das Flugzeug auf den R眉cken 鈥β damit die Schwerkraft 眉bernehmen kann. Erst jetzt, nachdem diese Zeiten lange vergangen sind, frage ich mich: Wenn man genug Kontrolle 眉ber das Flugzeug hatte, um seelenruhig einen halbe Fassrolle zu fliegen, wie sehr k枚nnte es sich in einer solchen Situation um einen Notfall handeln, und warum sollte man springen m眉ssen? Wenn ich davon 眉berzeugt gewesen w盲re, dass ein Sprung aus 5.000 Fuss H枚he mein Leben rettet, dann m眉sste ich schon ziemlich verzweifelt sein. Ein unkontrollierter, schwindelerregender, trudelnder und wahrscheinlich t枚dlicher Abstieg k枚nnte mich davon 眉berzeugen. Aber dann w盲re der Ausstieg alles andere als einfach. Um Ihnen ein Gef眉hl daf眉r zu geben, stellen Sie sich vor, dass Sie sich in Ihrer Badewanne zur眉cklehnen und dann versuchen, herauszukommen, w盲hrend sich alles um Sie herum dreht und Ihr K枚rper das Dreifache wiegt.1

Und dann war da noch ein weiteres Problem. Ein Fallschirm muss wirklich sorgf盲ltig behandelt werden, auch wenn er nie benutzt wird. Wenn er feucht ist, weil er lange Zeit auf nassem Gras gelegen hat, oder wenn sich Ablagerungen darauf gebildet haben, weil er stundenlang im Regal (oder auf dem Boden) gelegen hat, kann seine Funktion t枚dlich beeintr盲chtigt sein. Deshalb ist es auch so wichtig, dass jeder Fallschirm mehrmals im Jahr professionell kontrolliert und ordentlich wieder gepackt wird. Ich nehme an, das es auch gemacht worden ist (schliesslich ist es Vorschrift), aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass es besonders interessant war. Im Club haben wir uns die Fallschirme geteilt und manchmal sind sie von mehreren Leuten am gleichen Tag verwendet worden. Tats盲chlich schienen sie im Laufe des Sommers immer leichter zu werden, und man konnte etwas rascheln h枚ren. Der Witz dazu ging so: Wenn du jemals springen musst und auf die Erde zust眉rzt, siehst du vereinzelte Fetzen aus mottenzerfressener Seide und ein paar vertrocknete M盲use, die 眉ber deinem Kopf umherwirbeln.

Habe ich schon erw盲hnt, dass wir jung waren? Wenn ich jetzt dar眉ber nachdenke, ist es wahrscheinlich nichts anderes als eine Verdeutlichung der unterschiedlichen Risikowahrnehmung, die mit dem Alter einhergeht.

Kontrollverlust

Politiker auf der ganzen Welt versuchen anscheinend, selbst eigenen Rettungssprung zu schaffen, aber in diesem Fall von der schwindelerregend hohen Inflation aus. Inzwischen sind seit der ersten Zinserh枚hung etwa 15 Monate vergangen, und trotz 400 bis 500 Basispunkten mehr verlangsamen sich die Inflation, die Arbeitsmarktsituation und das Lohnwachstum in der Eurozone, im Vereinigten K枚nigreich und in den USA nicht ann盲hernd so stark wie erwartet. In gewisser Weise handelt es sich um ein schreckliches Spiegelbild der 10 Jahre nach der grossen Finanzkrise, in denen die Inflation trotz null (und sogar negativer) Leitzinsen, Billionen Dollar f眉r Wertpapierk盲ufe und 芦Forward Guidance禄 hartn盲ckig unter ihrem Zielwert geblieben ist.

Ich bin mir zwar nicht sicher, aber ich denke, dass es die meisten Politiker damals genauso schockiert hat, welche politische Reaktion erforderlich ist, um die Inflation zu erh枚hen, wie sie jetzt wahrscheinlich davon schockiert sind, wie hartn盲ckig die Inflation bleibt und wie schwer sie sich zur眉ckdr盲ngen l盲sst.2 Nach der lange viel zu geringen Inflation und der jetzt schon lange viel zu hohen Inflation werden sich vielleicht mehr B眉rger (W盲hler) sogar die Frage stellen, ob die Zentralbanken 眉berhaupt die richtigen Ideen haben. Wenn das Ergebnis st盲ndig hinter der Theorie zur眉ckbleibt, k枚nnten Sie dazu ermutigt werden, f眉r sich selbst zu denken.

Das unmittelbare Problem f眉r die Zentralbanken besteht also darin, dass sie ihren Volkswirtschaften mit h枚heren Zinsen m枚glicherweise weitere Sch盲den zuf眉gen m眉ssen, als noch vor wenigen Monaten erwartet worden war. Das ist ein 盲usserst schmerzhafter Kompromiss, der m枚glicherweise mit politischen Konsequenzen einhergeht. Und doch sieht die Situation in Grossbritannien derzeit genauso aus, wo die Kerninflation in letzter Zeit wieder angestiegen ist, obwohl die Bank of England einen R眉ckgang prognostiziert hatte. Ergebnis? Eine 眉berraschende Anhebung um 50 Bp. auf 5 % im Juni, eine in den Marktpreisen enthaltene Sch盲tzung von 6 % bis Dezember und die politische Debatte dar眉ber, warum bereits strapazierte Haushalte den Preis f眉r eine gef眉hlte Inkompetenz der Zentralbank zahlen sollten.

Auch hier bin ich mir wieder nicht sicher, aber ich kann mir vorstellen, dass andere Zentralbanken aufmerksam darauf achten werden, was in Grossbritannien passiert. Die US-Notenbank (Fed) und die Europ盲ische Zentralbank (EZB) werden sicherlich am meisten damit zu tun haben, dass die Inflation trotz des aggressivsten Zinserh枚hungszyklus seit 40 Jahren (zumindest in den USA) bis zum Jahresende deutlich 眉ber dem Zielwert liegt. Zwar hat der Ruf der Institute den sehr langen Zeitraum mit Inflationswerten unter dem Zielwert nach der globalen Finanzkrise relativ gut 眉berstanden, allerdings d眉rfte eine langfristig zu hohe Inflation wohl nicht mit dem gleichen Wohlwollen behandelt werden.

Wahrscheinlich ist das die Botschaft hinter den eher restriktiven Aussagen, die im Juni von beiden Banken ausgegangen sind. Wenn die politischen Entscheidungen entweder f眉r l盲ngere Zeit mit einer h枚heren Inflation leben k枚nnen oder den unvermeidlichen wirtschaftlichen Schmerz akzeptieren, der mit weiteren Zinserh枚hungen einhergeht, dann werden die Fed und die EZB sich wirklich ins Zeug legen, um die Menschen davon zu 眉berzeugen, dass sie den zweiten Vorschlag bevorzugen.

Die Absprungzone

Die Theorie zur Durchf眉hrung des Sprungs und der tats盲chliche Sprung sind jedoch vollkommen verschieden.

Die folgende Grafik des Institute of International Finance (IIF) haben wir schon einmal verwendet. Sie zeigt die globale Gesamtverschuldung in absoluten Zahlen und in Relation zur globalen Produktion (BIP). Sie umfasst Industrie- und Schwellenl盲nder sowie Staats- und Unternehmensanleihen.

Lassen Sie sich nicht von der Abschw盲chung der gr眉nen Linie t盲uschen, die zeigt, dass die Schulden im Vergleich zum BIP in letzter Zeit gesunken sind. Dabei handelt es sich n盲mlich um ein Artefakt der hohen nominalen Wachstumsraten nach der Pandemie. In Wirklichkeit liegt die Gesamtverschuldung im Verh盲ltnis zum BIP, wie vom IIF berichtet, immer noch 眉ber den Werten vor der Corona-Pandemie. Die blaue Linie ist nichts anderes als der Verlauf der Fed Funds Rate. Damit soll verdeutlich werden, dass sich die Finanzierungskosten in US-Dollar in nahezu jedem Anleihemarkt befinden, und zwar entweder direkt 眉ber absolute Niveaus und Kreditspreads oder indirekt 眉ber Opportunit盲tskosten. (Oder gef盲llt Ihnen Ihre verlusttr盲chtige, hochverzinsliche Anleihe von Kryptounternehmen noch, wenn zweij盲hrige Staatsanleihen eine Rendite von fast 5% erreichen? Nein. Dachte ich mir.)

Abbildung 1: Globale Schuldenst盲nde und Finanzierungskosten

Balkendiagramm mit globaler Verschuldung in absoluten Zahlen sowie globaler Verschuldung im Verh盲ltnis zur globalen Produktion (BIP)
Quelle: Institute of International Finance, Bloomberg Finance L.P. Daten, Stand: 16. Juni 2023

Diese Grafik zeigt einen allgemeinen Anstieg der weltweiten Verschuldung seit 2003. Die weltweite Verschuldung hat 2022 einen H枚chststand erreicht. Die gr眉ne Linie (Schulden im Verh盲ltnis zum BIP) ist in letzter Zeit vorsichtig zur眉ckgegangen. Dieser R眉ckgang ist jedoch auf die sehr hohen nominalen Wachstumsraten nach der Pandemie zur眉ckzuf眉hren. Tats盲chlich liegt die Gesamtverschuldung im Verh盲ltnis zum BIP, wie vom IIF berichtet, immer noch 眉ber den Werten vor der Corona-Pandemie.

Wenn die Geldpolitik mit einer Verz枚gerung handelt, dann stehen der Weltwirtschaft noch deutliche Schmerzen an den Stellen bevor, wo es entsprechende Ans盲tze gibt. Und im Moment ist das, wie wir sehen k枚nnen, fast 眉berall der Fall.

Gefangen in den Tr眉mmern

Vielleicht kommt hier noch ein hintergr眉ndiges Problem dazu. Seit der grossen Finanzkrise waren Regierungen und Zentralbanken entschlossen und in der Lage, verschiedene Schocks f眉r Haushalte und Unternehmen auszugleichen: Doch stehen wir jetzt vor dem Problem, dass niemand weiss, wie man damit wieder aufh枚ren kann. Der gr枚sste Teil dieser Unterst眉tzung stammte aus der direkten Kreditaufnahme von Regierungen oder ist auf die Anreize zur Kreditaufnahme dank niedriger Zinsen zur眉ckzuf眉hren. Jetzt, da ein grosser Teil dieser Unterst眉tzung vor allem 眉ber h枚here Zinsen aufgel枚st werden muss, k枚nnte die Frage aufkommen, ob die Politiker das wirklich durchziehen k枚nnen.

Selbst der Internationale W盲hrungsfonds hat k眉rzlich darauf hingewiesen, dass die Zentralbanken die allgemeine Finanzstabilit盲t nicht zugunsten einer sklavischen Hingabe zu einem Inflationsziel riskieren sollten.3

All diese Faktoren sind auf unserem j眉ngsten Forum f眉r festverzinsliche Anlagen im Juni diskutiert worden. Wir gehen davon aus, dass eine R眉ckf眉hrung der Inflation auf die Zielwerte in den USA und Europa wahrscheinlich mit realen wirtschaftlichen Schmerzen einhergehen wird (obwohl sich das Ausmass je nach Region unterscheiden k枚nnte). Ebenso sind wir der Meinung, dass die Zentralbanken zumindest vorerst beim Wort genommen werden sollten und dass die Marktbewertungen f眉r eine oder zwei Zinserh枚hungen im weiteren Verlauf dieses Jahres wahrscheinlich zutreffend sind (wenn auch eher fpr Grossbritannien). Dieser Schmerz nimmt momentan jedoch zu, und wir haben bereits einige Ersch眉tterungen in der Weltwirtschaft erlebt, die nahelegen, dass wir nahe am H枚hepunkt der Leitzinsen sind. Daher erscheinen die seit Mitte Mai verf眉gbaren h枚heren Renditen aus Risiko-Rendite-Sicht attraktiver, insbesondere am kurzen Ende der Renditekurve. Andererseits haben wir auf eine etwas vorsichtigere Haltung an den Kreditm盲rkten hingewiesen 鈥 langfristig h枚here Zinsen f眉hren bei Risikoanlagen zu m枚glichen Problemen.

Und so sieht einfach gesagt unser Basisszenario aus. Im Gegensatz zu einem Sprung aus 5.000 Fuss H枚he, bei dem man nur in eine plausible Richtung planen muss, ist die Weltwirtschaft deutlich komplexer. Andere Entwicklungen sind eindeutig ein Risiko, und dabei sind nicht zuletzt die Risiken f眉r die Finanzstabilit盲t zu nennen, wenn die Zentralbanken sich dazu entscheiden sollten, die h枚here Inflation l盲ngerfristig hinzunehmen. Oder das Gegenteil dessen tritt tats盲chlich ein, bei dem viel h枚here Leitzinsen ben枚tigt und auch eingef眉hrt werden,sodass eine viel tiefere Rezession ausgel枚st wird. Meiner Meinung nach halten sich diese Risiken rund um unser Basisszenario derzeit gerade so die Waage. Eine flexible Positionierung bleibt deshalb auf absehbare Zeit ein Erkennungsmerkmal f眉r unseren Anlageansatz bei den Multi-Sektor-Strategien.

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